Es ist wieder Pride Month! Der Monat, in dem Menschen weltweit für die Rechte von LGBTQ-Personen einstehen und gegen Kriminalisierung, Stigmatisierung und Ausgrenzung demonstrieren. Auch hier gibt es seit 2014 einen Christopher Street Day, der stets wächst – auch im übertragenen Sinne. Sven Simon, Vorstandsmitglied der rAinBows, der schwul-lesbischen Aschaffenburger Jugendinitiative, die sich aktiv für Vielfalt, Toleranz und Respekt einsetzt und unter anderem maßgeblich an der Ausrichtung des Christopher Street Days (CSD) in der Region beteiligt ist, verrät im FRIZZ-Gespräch mehr zu den Hintergründen.
FRIZZ Das Magazin: Den Christopher Street Day gibt es in Aschaffenburg seit 2014. Manche Menschen fragen sich, weshalb es Sichtbarkeit für queere, also nicht heteronormative Menschen immer noch braucht, schließlich ist „das“ doch heute für die meisten kein „Problem“ mehr?
Sven/rAinBows: Der CSD hat als Feier-, Gedenk- und Protesttag gleich mehrere Bedeutungen, die allesamt wichtig sind. In Aschaffenburg steht seit jeher der Protestgedanke im Zentrum. Denken wir an Punkte wie das Familienrecht oder den Schutz vor Diskriminierung, dann sollten wir die rechtlichen Rahmenbedingungen verbessern. Gleichzeitig braucht es eine gesellschaftliche Akzeptanz, die wiederum nur aus Sichtbarkeit erwachsen kann – Sichtbarkeit, die zudem noch ungeouteten Menschen eine große Hilfe bietet. Und über alle dem müssen wir allein dafür schon kämpfen, bereits errungene Erfolge nicht wieder zu verlieren.
Ihr als rAinBows veranstaltet diesen wichtigen Tag. Stellt euch und eure Arbeit doch bitte noch mal kurz vor.
Wir sind ein Jugendverband, der es sich zum Ziel gesetzt hat, eine Region zu gestalten, in der sich queere Menschen sicher fühlen können, ihre Identität zu finden und zu entfalten. In diesem Bestreben bieten wir sichere Räume, verleihen der Community Sichtbarkeit, vertreten ihre Interessen auf kommunaler Ebene, sind Ansprechstelle und bieten Aufklärung.
Was erwartet uns dieses Jahr auf dem CSD?
Am 6.6. starten wir um 12 Uhr in der Nähe des Hauptbahnhofs mit unserer Demonstration, halten eine Zwischenkundgebung auf dem Theaterplatz und feiern ab etwa 14 Uhr ein Fest im JUKUZ mit leckerem Essen, kühlen Getränken, einem unterhaltsamen Bühnenprogramm, einer gemeinnützigen Tombola und interessanten Infoständen. Daneben starten zum Pride Month im ganzen Stadtgebiet vielfältige Angebote. Auf www.aschaffenburg.de/pridemonth ist eine Übersicht dazu zu finden. Wer zum Beispiel nicht allein zum CSD kommen möchte, hat beim queeren Film im Casino Kino am Vorabend die Gelegenheit, uns und zahlreiche andere kennenzulernen. Unser Aschaffenburger CSD ist in vielerlei Hinsicht eine Besonderheit, auf die wir stolz sein können. Allem voran ist unsere Pride Parade das Projekt eines Jugendverbands – und damit durch und durch das Ergebnis erfolgreicher Jugendarbeit. Gleichzeitig gelingt es an allen Ecken und Enden, das gesamte Aschaffenburger Ehrenamt und die Stadtgesellschaft einzubeziehen – von den regionalen Artists auf der Bühne, moderiert vom Jugendradio Klangbrett bis hin zum Essensverkauf durch das Kneipenkollektiv Hannebambel, um nur wenige Beispiele zu nennen.
Ist die queere Community in Aschaffenburg groß und seht ihr sie als gefährdet?
Blicke ich auf die Jugendarbeit, dann können wir selbstbewusst sagen, dass Aschaffenburg eine sehr lebhafte Community hat, die aktiver als in vielen und auch größeren Städten ist. Wer Anschluss sucht, kann übrigens donnerstags ab 20 Uhr im JUKUZ vorbeischauen, wo wir jede Woche ein anderes unterhaltsames Programm bieten. Aber auch außerhalb der Jugendarbeit tut sich viel, beispielsweise mit dem queeren Stammtisch jeden ersten und dritten Mittwoch im Monat im Hannebambel. Deshalb kann ich nur alle ermutigen: Gestaltet die queere Community auf eure Weise mit und werdet aktiv! Mit einer starken Präsenz und einem unerschütterlichen Zusammenhalt lassen wir uns nicht verdrängen. Queere Menschen gab es schon immer und wird es immer geben.
Welche Gefahren verbergen sich im Internet und auf Social Media insbesondere für junge queere Menschen?
Ganz allgemein hilft uns das Internet dabei, dass wir uns als Menschen einander näher und gleichzeitig ferner fühlen. Egal was uns ausmacht und wovon wir überzeugt sind – dort finden wir unsere Bubble, die uns ein Wir-Gefühl bietet. Und leider fällt es den Menschen zu leicht, dass daraus ein Wir-gegen-die-Gefühl wächst. Genauso wie sich queere Menschen dort zusammenfinden und einander unterstützen, finden sich dort queerfeindliche Menschen zusammen und bieten einander ein Umfeld, das sie überzeugt, ihr Hass sei das Gefühl der Mehrheit. Und aus Hass im Internet – aus brutalen Worten – wird irgendwann brutale Gewalt. Gerade deshalb sind „Allies“ wichtig. Das sind Menschen, die nicht selbst queer sind, aber für die Rechte queerer Menschen eintreten. Klar ist: Menschen aus der LGBTQ-Community sind eine Minderheit in unserer Gesellschaft. Wir sind darauf angewiesen, dass echte „Allies“ an unserer Seite stehen – und das nicht nur, wenn es gerade bequem ist. Womit unser ehemaliger Bundespräsident Gustav Heinemann also Recht hatte: „Man erkennt den Wert einer Gesellschaft daran, wie sie mit den Schwächsten ihrer Glieder verfährt.“
Was wünscht ihr euch für die Zukunft für die queere Community in Aschaffenburg?
Überspitzt sage ich gerne, dass wir daran arbeiten, unseren Verein unnötig zu machen, also auf eine Gesellschaft hinarbeiten, in der es keinen extra Safer Space, keinen CSD und kein eigenes Aufklärungsprojekt mehr braucht. Aber zurück von der Utopie in unsere Realität: Wie jeder Verein braucht das Ehrenamt ein Zuhause, insbesondere in der Jugendarbeit. Ich hoffe daher, dass die Kommunalpolitik auch in Zukunft weiterhin fest hinter uns steht, uns Raum bietet und sich bewusst bleibt, dass sich jeder in der Jugendarbeit gesparte Cent schlussendlich teurer kommen wird. Lasst uns jungen Menschen besser von Anfang an das passende Umfeld zum Heranwachsen bieten, um gefestigt und gesund ins Erwachsenenleben starten zu können! In einer pluralistischen Gesellschaft, wie sie das Fundament unserer Demokratie ist, kann der Auftrag, Minderheiten wie die queere Community zu schützen, nur ein gesamtgesellschaftlicher sein. Wir alle gemeinsam sind daher in der Pflicht, dafür einzustehen – heute, morgen und jeden einzelnen Tag. Wann immer uns Queerfeindlichkeit begegnet, dürfen wir nicht leise sein, sondern müssen füreinander unsere Stimmen erheben, egal ob wir selbst queer sind oder nicht. Danke an alle, die nicht wegsehen, sondern Queerfeindlichkeit benennen und bekämpfen!
Danke für das aufschlussreiche Gespräch. FRIZZ freut sich auf den bunten 6.6. – und nicht nur den.
