Große Vorfreude in Aschaffenburg. Der Ministerpräsident hat sich zum Frühschoppen im Fasanerie-Biergarten angesagt. Doch bei den Vorbereitungen zum großen Festtag taucht im Aschaffenburger Park immer wieder ein mysteriöser Fremder auf, der ein seltsames Verhalten an den Tag legt.
Ein harmloser Bürger? Ein Flüchtling auf der Suche nach Zerstreuung? Oder ist ein Anschlag auf den Ministerpräsidenten geplant? Die Organisatoren stehen vor einem Rätsel und schwanken zwischen Hoffen und Bangen vor dem großen Biergarten-Showdown …
Nun gut. Er konnte zugezogen sein. Irgendeine Mietwohnung vielleicht am Hohenzollernring. Und jetzt geht er halt regelmäßig in den Park – war doch ganz normal. Andererseits … der Ministerpräsident hatte sich angekündigt. Er würde nicht nur im Biergarten eine Rede halten, sondern vorher auch noch einen ausführlichen Rundgang durch den Park machen und dabei verschiedene Freiluft-Theaterdarbietungen von Laienspielgruppen zu den historischen Ereignissen, die hier stattgefunden hatten, beiwohnen. Klar, dass er da auch verwundbar war. Die Bäume, die Büsche, das weite Gelände, von überall zugänglich. Also wenn – nur einmal angenommen – ich dem Ministerpräsidenten etwas antun möchte, dann wäre doch der Besuch in der Fasanerie der perfekte Ort dafür, oder? Aber nein, nein, bloß nicht in diese Denkschiene verfallen, dachte ich mir, das wollen die doch nur und wenn wir dann alle so denken, dann haben sie es geschafft. Nein, ich werde offen sein und tolerant und diesem sicherlich neuen Mitbürger der Stadt mit einem freundlichen Lächeln begegnen. Ich hüpfte also noch ein wenig um ihn herum und näherte mich ihm in langsamen konzentrischen Kreisen, als sich meine Vorsätze mit einem Donnerschlag in Luft auflösten und ich alle meine Befürchtungen bestätigt sah. Neben dem Mann auf der Bank lag ein Buch mit edlem Einband und arabischen Schriftzeichen. Der Koran! Das dritte Mal sah ich ihn im Biergarten. Es war ein heißer Sommertag. Die Luft flirrte, die Hitze manifestierte sich auf unseren Körpern und verquirlte unsere Hirne. Wir saßen mit anderen örtlichen Parteigrößen vom Orgateam in den fetzigen Schatten der riesigen Kastanien, kühlten unsere Hände an dickrandigen, geriffelten Maßkrügen, in denen das bayerische Gold in einem bewundernswerten Zustand von vier Grad Celsius lasziv-schwappend lockte, und diskutierten gerade – wie immer und immer wieder in den letzten Wochen – den Besuch des Ministerpräsidenten. Was für eine Ehre für Aschaffenburg! Benebelt von Bratwurstdünsten und Transpirationsattacken bemerkte ich ihn erst spät, als er durch das grün gestrichene Metalltor in den Biergarten hinkte und – die lustlosschlaffe weißblaue Fahne im Blick – zögernd stehen blieb.
Aber dann war ich sofort hellwach. Der Mann war mir seit meiner Joggingrunde nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Tag für Tag hatte ich den Widerstreit meiner weltoffenen Logik und meines kleinkarierten, ängstlichen von Vorurteilen versuchten Bauches ertragen, ohne Konsequenzen zu ziehen. Was hätte ich auch tun sollen? Zur Polizei gehen und einen offensichtlich nicht deutschstämmigen Mann melden, weil er in einem Park sitzt und ein Buch liest? Natürlich hatte ich keine Ahnung, ob das wirklich der Koran gewesen war, aber es passte eben alles irgendwie zusammen. Und so war ich einfach Hals über Kopf weitergerannt. Ohne ein Wort. Ohne ein Lächeln. Ohne ein Nicken.
Das war aber eben nun schon sechs Tage her gewesen und schon dachte ich, der Spuk sei vorüber, als dann der Schattenmann langsam, wie ein angerissenes Tier, sich durch die Garniturreihen schleppte. In der rechten Hand hielt er das Buch fest umklammert. Der lange, drahtige Vollbart zitterte bei jedem Schritt über dem weißen Gewand. Seine dunklere Haut bot einen guten Kontrast zu den leuchtendorangenen Bierbänken. Es war das rechte Bein, das er nachzog. Offensichtlich konnte er das Knie nicht beugen und so hinterließ er in dem feinen Kies eine saubere, symmetrischwellige Hinkespur.
Es wurde plötzlich ruhig. Das Lachen erstarb, keine Maßkrüge klirrten mehr aneinander, kein vielkehliges Prosit dröhnte über die Tische, Messer und Gabel wurden unsanft zwischen Kloßsoßen, Sauerkraut, Obazda und Wurstsalaten in Deckung gebracht. So lauschten wir alle dem kiesigen, punktierten Takt, den der Schattenmann auf dem Schotter spielte. Dazu synkopisch, wie von einer anderen Welt, das Surren der ferngesteuerten Ich-bin-fertig-Essen-Surrer, die wie kleine Ufos auf den Bierbänken brummten und das hungrige Volk zur Essensausgabe befahlen.
Es dauerte nur ein paar Sekunden und doch dachte ich, meinte ich zu spüren, dass in den meisten Köpfen von stereotypischen Kausalketten geschriebene Drehbücher abliefen, wie sie mich auch schon seit Tagen plagten. Es gab deren zwei mit unterschiedlichem Plot:
Variante 1: Der Biergarten-Islamist: Ein Mann, ein Bart, orientalische Kleidung, ein Buch, das wie ein Koran aussieht, der stechende dunkle Blick – das konnte nur ein Islamist sein. Ein Spion, der die Lage sondiert und einen Anschlag plant, weil er uns Christen als Ungläubige alle auslöschen will.
Variante 2: Der Biergarten-Flüchtling: Der ist sicher von der Unterkunft für Asylbewerber in der Nähe der Würzburger Straße. War doch klar, dass die irgendwann auch in unserem Biergarten auftauchen würden.
Und mit den Fantasie-Drehbüchern, die alle in Bruchteilen von Sekunden abgedreht und durchgespielt und gegeneinander abgewogen wurden, tauchten die realen Fragen auf: Wenn er aus der Flüchtlingsunterkunft ist, dürfen die überhaupt raus? Wie will er denn das Bier bezahlen? Einfach nur dasitzen, nein, da kann ja jeder kommen. Obwohl, Alkohol dürfen die ja nicht, die Armen. Sind die Bratwüste eigentlich aus Schweine- oder Rindfleisch? Na, wenigstens macht ihm die Hitze nicht so zu schaffen. Können die mit der dunklen Haut überhaupt einen Sonnenbrand kriegen? Und das Bein? Bestimmt eine Kriegsverletzung. Der Arme. Der hat bestimmt viel mitgemacht. Aber muss man sich dann unbedingt so einen Hasspredigerbart wachsen lassen? Bestimmt ein Syrer oder so etwas. Obwohl, die dunkle Haut, vielleicht doch Afrika. Wie hieß nochmal das Land, wo jetzt Krieg ist: Eritrea? Somalia? Mali? Sudan?
Aber auch die natürliche Gegenreaktion meinte ich hinter den überraschten Augen meiner Mitgäste, die den Mann unverhohlen anstarrten, zu erkennen. Ach was, wir sind doch weltoffen, nur weil er einen Bart hat, muss er noch lange kein Moslem und schon gar kein Islamist sein und das Buch könnte ja auch Rosamunde Pilcher oder Harry Potter sein und selbst wenn es der Koran wäre, das ist ein freies Land und die freie Religionsausübung ist ein Grundrecht und wenn hier einer mit einer Bibel rumlaufen würde, dann hätte auch niemand was dagegen. Aber komisch ist es schon.
Der Mann setze sich umständlich an einen freien Tisch in die pralle Sonne. Trotz der riesigen quadratischen Sonnenschirme, die immer mehrere Sitzgarnituren abdeckten und in leuchtendem Dunkelblau davon erzählten, dass Schlappeseppel-Bier seit Jahrhunderten in aller Munde sei, gab es eben immer noch Sonnenplätze. Der Mann half seinem steifen rechten Bein unter den Tisch und erstarrte unverzüglich, als habe gerade der göttliche Schachspieler den schwarzen Bauern auf H6 gezogen.
