FRIZZ Das Magazin hat die Bahnhofsmission besucht, mit Verantwortlichen, Ehrenamtlichen und Gästen gesprochen, um die essenzielle soziale Arbeit unter die Lupe zu nehmen und das ein oder andere privilegierte Leserauge zu öffnen.
Zur Bahnhofsmission gelangt man, wenn man den Steig zu den ersten beiden Gleisen betritt, sich nach rechts wendet und wenige Meter weiterläuft. Noch zum Bahnhofsgebäude gehörend hat das Tochterprojekt der IN VIA Aschaffenburg dort seinen Sitz. Öffnet man die Tür, wird man an einer Theke direkt von einem oder mehreren Ehrenamtlichen freundlich lächelnd begrüßt. Einige Tische und Stühle laden ein, zu verweilen. Ein soziales Kunstprojekt an der größten Wand gestaltet die Atmosphäre mit einer einfühlsamen und persönlichen Note.
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Bahnhofsmission
Die alltägliche Arbeit
An einem Werktag betreten zwischen 35 und 40 Gäste die Räumlichkeiten und nehmen das Angebot der Bahnhofsmission in Anspruch. Unter der Woche können sie sich dort von 8 bis 17 Uhr sowie samstags zwischen 8 und 12 Uhr aufwärmen, eine Mahlzeit essen, etwas trinken oder um Hilfe bitten. Diese Anliegen sind deutlich vielseitiger als man denkt, erklären Ulla Kunkel-Kolb – die aktuelle Leiterin der Bahnhofsmission – und Sandra Bauer-Böhm, die ab Dezember 2023 die Geschäftsführung von IN VIA übernimmt. Natürlich sind es bedürftige Hungrige und Durstige, aber auch Menschen, die akut Hilfe benötigen. Beispielsweise nach einem Diebstahl, wenn sie orientierungssuchend beim Umstieg in den Anschlusszug sind oder mit alltäglichen für sie schwer zu bewältigenden Aufgaben konfrontiert werden. „Manchmal stehen hier Leute, weil sie einen Brief vom Jobcenter nicht verstehen oder dringend eine Kopie brauchen“, so die Leiterin. Gerade in der kälteren und vorweihnachtlichen Zeit nimmt die Anzahl der täglichen Gäste zu. Einsamkeit sei hierfür ein ausschlaggebender Grund. Das Gros der Gäste schlägt aus Armut auf. Häufig in Verbindung mit weiteren Gründen wie Wohnungslosigkeit, sozialen Schwierigkeiten oder psychischen Erkrankungen. Im Jahr 2022 wurden 16.220 Kontakte mit wiederkehrenden Stammgästen gezählt. Je nach aktueller gesellschaftlicher Krisenentwicklung verändert sich die Klientel der Kontakte, die nicht zu den regelmäßigen Besuchern zählen. Seit dem Ukrainekrieg treffen vermehrt geflüchtete Jugendliche auf einen Kaffee ein, auch die altersbedingte finanzielle Knappheit hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen.
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Zwei helfende Herzen
Zwei helfende Herzen
Aktuell übernehmen 20 ehrenamtliche Helfer die Schichten und betreuen die Gäste mit Schmalzbrot, Kaffee und einem verständnisvollen offenen Ohr. Drei Mal pro Woche bringt „Veras Vitaminreich“ warme, gesunde Bio-Mahlzeiten zur Ausgabe vorbei. Die Bahnhofsmission und ihre Helfer verstehen sich selbst als eine inklusive, niederschwellige, weitervermittelnde Einrichtung und schaffen mit ihrer alltäglichen Arbeit – neben besagter Hilfe – einen Ort des Kontakts von Parallelgesellschaften. Im breitgefächerten Spektrum der Gäste treffen Bedürftige auf Unbedürftige, was Türen zu Perspektiven und Möglichkeiten öffnet.
Ich habe 43 Jahre gearbeitet und trotzdem reicht meine Rente nicht, um mich anständig zu versorgen. anonym
Von Kunst, Musik, Lyrik und Haarschnitten
Wie eingangs erwähnt, ziert ein besonderes Kunstprojekt das Innere der Bahnhofsmission. Die Aschaffenburger Künstlerin Anne Hundhausen porträtiert ein Mal wöchentlich Gäste. Ein weiteres Projekt der Kunstschaffenden umfasste die gemeinsame Tonaufnahme von Gedichten deutscher Lyriker wie Goethe und Rilke. Der Kontakt mit kulturellen Gütern wird großgeschrieben, um die Menschen in vielschichtiger Art zu unterstützen, nicht aus dem Raster zu fallen. Hierzu zählen auch spezielle Aktionen und Events. So waren vor kurzer Zeit die „Barber Angels“ vor Ort, um zu frisieren. Ein gepflegtes Äußeres stärkt das Selbstwertgefühl und die eigene Wahrnehmung, erklären Kunkel-Kolb und Bauer-Böhm. Am 13.12. findet die Weihnachtsfeier statt, bei der alljährlich regionale Musiker für Unterhaltung sorgen. Eine entsprechende Deko, Christstollen und Plätzchen aus den umliegenden Bäckereien geleiten bei festlicher Stimmung durch die emotionale Zeit.
Ich komme zwei bis drei Mal die Woche nach dem Einkaufen her, unterhalte mich gerne mit den netten Leuten und Helfern, um nicht alleine zu sein. anonym
Man hilft sich im Quartier
Die Bahnhofsmission Aschaffenburg steht mit sämtlichen Akteuren im Quartier in gutem Austausch. So erhalten sie Lebensmittelspenden von Metzgereien und Bäckern, können mietfrei ihrer Arbeit im Bahnhofsgebäude nachgehen, erhaöten von der Deutschen Bahn Sonderzuwendungen und können durch den Kontakt zur Bundespolizei auch Leute, die eigentlich einen dauerhaften Platzverweis für das Gebiet erhalten haben, auf direktem Weg empfangen.
Was kostet die Welt?
Die Aschaffenburger Bahnhofsmission, die in der unmittelbaren Umgebung die einzige ihrer Art ist – die nächsten befinden sich in Würzburg und Frankfurt – wird neben freiwilligen kirchlichen und kommunalen Zuschüssen zu 70 Prozent durch Spenden finanziert. Aber auch Sachspenden sind nach vorheriger Absprache immer herzlich willkommen. Gerade in der Vorweihnachtszeit steuern Strickkreise Mützen, Socken und Schals bei. Private Einzelpersonen sind ebenfalls gebeten, sich wohltätig zu zeigen.
www.bahnhofsmission-aschaffenburg.de
Jeder Euro hilft Helfen.
Spendenkonto: Bahnhofsmission Aschaffenburg
IBAN: DE40 7955 0000 0008 6060 06
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Anne Hundhausens Portäts
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Wassili ist regelmäßiger Gast in der Bahnhofsmission.
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