Aschaffenburg hat ein neues Mural. Streetartist Marc Robitzky bringt mit seiner Graffitikunst Farbe in die Hofgartenstraße und erzählt mit seinem Motiv die Facetten des Lebens auf fantasievolle Art und Weise. Im FRIZZ-Gespräch verrät er, welche Bedeutung Streetart für die Stadt und ihre Gesellschaft hat, welche Geschichte sich hinter dem neuen Mural verbirgt und wie er selbst Kunst lebt und erlebt.
FRIZZ Das Magazin: Auch wenn du in Aschaffenburg alles andere als ein Unbekannter bist und wir FRIZZen schon oft über deine Arbeit berichtet haben: Stell dich und deine Kunst bitte noch mal kurz vor …
Marc Robitzky: Ich bin mir nicht sicher, ob ich tatsächlich so bekannt bin, wie du es hier beschriebst. Vermutlich kennt man mich eher innerhalb der Hip-Hop-Szene. Dort bin ich seit den Anfängen in den 1980er-Jahren dabei und habe die Hip-Hop-Kultur seit dem gelebt und mitgestaltet. In Aschaffenburg kennt man vielleicht einige meiner Murals wie die Kleberstraße (Zuversicht), Würzburger Straße 47 (Umarmungsleiter) oder aktuell den Alltagstakt in der Hofgartenstraße 17. Graffiti war der prägende Schritt in die Kunstwelt: Den eigenen Namen im öffentlichen Raum zu platzieren, anonym und oft nur für Szeneninterne lesbar, hatte für mich einen besonderen Reiz. Das Geheimnisvolle, die Planung und der Moment, wenn eine Idee ihren Platz im Stadtraum findet – das macht Graffiti bis heute so besonders.
Wie ist die Zusammenarbeit zum neuen Mural in der Hofgartenstraße entstanden?
Es ist bereits das zweite Projekt mit dem Kulturamt. Jörg Fabig und Mareike Vorbeck sind für solche Vorhaben sehr offen. Mir war die graue Fassade aufgefallen, ich hatte sofort den Eindruck, dass sie sich für ein Wandbild eignet. Mit dieser Idee bin ich zum Kulturamt gegangen und auf offene Ohren gestoßen. Über einen Bekannten konnten wir den Eigentümer kontaktieren, der von der Idee sofort begeistert war.
© Till Benzin
Marc Robitzky
Durftest du das Motiv frei wählen? Welche Geschichte steckt dahinter?
Ja, ich hatte freie Hand. Der kreative Prozess beginnt bei mir mit Beobachtung: Ich analysiere die Wand, das Licht, den architektonischen Kontext. Da die Hofgartenstraße ins Zentrum führt, das Gebäude die Telekommunikation beherbergt und gegenüber vom Schöntal liegt, kamen mir die Schlagworte Gemeinschaft, Kommunikation, Musikalität und Harmonie in den Sinn. Das Motiv versteht Musik als eine der ursprünglichsten Formen menschlicher Kommunikation. Es zeigt einen Gegensatz zum stressigen Alltag. Der Bordstein wird zur Bühne, ein Geschenk an den öffentlichen Raum. Eine weitere Inspiration war ein Moment bei einer Demonstration: Das Bild sollte die Form eines Zuges annehmen, ähnlich dem Fürstenzug in Dresden. Der Titel „Alltagstakt“ beschreibt letztlich genau diese Ebenen.
Wie lief der Arbeitsprozess ab?
Ich hatte zwei Wochen eingeplant, letztlich habe ich etwa neun Tage gearbeitet, am Anfang mit Regenpausen, dann mit über 30 Grad auf der Hebebühne. Ich lege zunächst eine Vorzeichnung an, dann grobe Flächen, korrigiere Proportionen und gehe in die Detailarbeit. Das feine Ausarbeiten ist mir trotz der Größe wichtig – erst kleine Details runden ein Bild ab, sodass Neugierige gerne bei dem Bild verweilen und Dinge entdecken, die man beim schnellen Vorbeigehen nicht wahrnimmt. Der Hund hat zum Beispiel Sternchen am Halsband, die man aus der Ferne nicht sieht, aber von Nahem entdecken kann.
© Till Benzin
Mural – Marc Robitzky – Hofgartenstraße 17
Was bedeutet das Mural für dich persönlich, auch emotional?
Als Künstler das Stadtbild der eigenen Heimatstadt mitzugestalten, ist etwas ganz Besonderes. Man weiß, dass man dem Bild immer wieder begegnen wird. Wie bei einem Tattoo überlegt man sich genau, was dauerhaft bleiben soll. Zudem bekomme ich die Begegnung und Reaktionen mit. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der Tag nach der Fertigstellung, als eine Kindergartengruppe vor dem Bild stehen blieb und eine Bildbesprechung begann.
Findest du Streetart wichtig fürs Stadtbild?
Streetart ist so vielschichtig, dass man sie kaum pauschal bewerten kann. Wo öffentliche Flächen als Raum für Kunst verstanden werden, entsteht eine offene Galerie für alle. Klassische illegale Graffitis entstehen oft aus dem Gefühl, sich selbst eine Bühne schaffen zu müssen. Im Kern steckt darin das Bedürfnis nach Sichtbarkeit. Sie wirkt. Punkt.
© Till Benzin
Mural – Marc Robitzky – Hofgartenstraße 17
Gibt es genügend legale Flächen zum Sprayen in Stadt und Landkreis?
Es hat sich bereits einiges getan. Wir haben nun einige freie Flächen, aber sie sind meist sehr klein und die Frequentierung hoch – ein Bild steht manchmal nicht länger als 1–2 Tage. Es wäre wünschenswert, mehr solche Plätze zu schaffen, denn sie sind auch Begegnungsstätten von Künstlern zum Austauschen und gemeinsamen Erschaffen.
Was wünschst du dir für die Zukunft der Kunst in Aschaffenburg?
Ich wünsche mir, dass Kunst auch künftig als menschlicher Ausdruck verstanden wird. Hinter einem Kunstwerk stehen Erlernen, Erfahrungen, Entscheidungen, Haltung und die Bereitschaft, Verantwortung für das Geschaffene zu übernehmen. Das unterscheidet künstlerische Arbeit sehr von KI-erzeugten Inhalten. Gerade Kulturinstitutionen sollten dafür sensibel bleiben, weil sie mit ihren Entscheidungen mitbestimmen, welchen Stellenwert Kunst in unserer Gesellschaft hat.
Was möchtest du noch unbedingt loswerden?
Ich freue mich, ein Teil der Ausstellung „Demokratie und Humor“ vom 26.7.–13.9. im KunstLANDing zu sein und auf ein weiteres Fassadengemälde, das ab dem 7.7. im Rahmen der Aschaffenburger Kulturtage in Damm entstehet. Ich hoffe, dass auch dieses Projekt auf so viel Interesse und positive Resonanz stößt wie „Alltagstakt“.
