Wenn ein Roman schon beim Erscheinen so viel Gesprächsstoff liefert wie „Allegro Pastell“ des Frankfurter Schriftstellers Leif Randt, ist eine Verfilmung fast zwangsläufig. Jetzt ist sie da und sie versucht, das schwer Greifbare dieses Buchs, die jugendlich-entrückte Sprache und Wortkomik, in elegische, pastellfarbene Bilder zu übersetzen. Das gelingt vor allem dann, wenn man sich als Vertreter der Generation Y (auch Millennials, 1980–1996) direkt ertappt fühlt.
In seinem vierten Roman erzählt Leif Randt von einer sich dahinsiechenden Fernbeziehung zwischen der Berliner Webdesignerin Tanja und dem Schriftsteller Jerome in Frankfurt. Klingt unspektakulär, ist aber ein erstaunlich präzises Seismogramm moderner Beziehungen: viel Chat, viel Selbstreflexion, viel Lifestyle – und irgendwo dazwischen auch echte Gefühle. Randt schrieb den Roman 2020 fast komplett aus der Perspektive digitaler Kommunikation heraus. Emojis, Messenger-Dialoge und Gedanken über Achtsamkeit oder Designästhetik werden zur literarischen Oberfläche einer Generation, die permanent online ist und trotzdem nach Nähe sucht und sich immer irgendwie alleingelassen und einsam, vor allem aber distanziert von der realen Welt fühlt. Der 42-jährige Autor gilt als wichtiger Vertreter der sogenannten „Post-Internet-Literatur“, also Texte, die das digitale Lebensgefühl bewusst thematisieren.
Die Filmversion nach einer Adaption von Regisseurin Anna Roller geht klug damit um: Sie versucht gar nicht erst, den Roman eins zu eins zu bebildern. Stattdessen setzt sie stark auf Atmosphäre – viel Glas, viel Großstadtlicht, viel ruhige Beobachtung, viel Style und schöne Menschen. Chats erscheinen als visuelle Elemente im Bildraum, während die Figuren oft allein in stylischen Wohnungen oder Zügen sitzen und grübeln. Randts Sprachgefühl wird gleich mit den ersten Dialogen spürbar, das Pärchen-Palaver im Bett klingt dann so: „Wie geht es dir?“ – „Ich glaub’, mir geht’s sehr gut. Und dir?“ – „Ich frag’ mich, ob es mir schon mal besser ging!“. Das passt: Denn diese Geschichte lebt vom Gefühl moderner Distanz. Der humorige Film nimmt Randts ironischen Duktus gleichzeitig sehr ernst. Das Ganze kippt nie ins Zynische, sondern bleibt neugierig auf seine irgendwie dann doch sympathischen Figuren Jerome (Jannis Niewöhner) und Tanja (Sylvaine Faligant). Man schaut ihnen dabei zu, wie sie versuchen, ihr Leben möglichst bewusst zu gestalten – und merkt gleichzeitig, wie schwer das eigentlich ist.
„Allegro Pastell“ ist kein lautes Kino, sondern ein Film zum Reinfühlen. Wer Geschichten über Beziehungen im Zeitalter von Smartphones, Online-Dating und Selbstoptimierung mag – und wer das Buch mochte – findet hier eine ungewöhnlich zeitgeistige Romanadaption über die Generation Y. Perfekt für einen nachdenklichen Kinobesuch nach dem Cityshopping mit Matcha-Latte oder dem dritten Tinder-Date des Tages. Doch früher oder später hat der ganze Lifestyle-Wahnsinn ein Ende. Wie im Film bei Protagonistin Tanja müssen wir uns fragen: Wie sieht eine gemeinsame Zukunft mit Jerome denn nun aus? Und haben wir uns selbst überhaupt jemals bewusst entschieden, eine bewusste Entscheidung zu treffen? Hat der Film das Zeug zum Generationenfilm? Wir finden, dass er das Lebensgefühl dieser Ära sehr gut porträtiert. Und wer gelernt hat, über sich selbst lachen zu können, der hat doch ohnehin schon gewonnen.
