Es liegt was in der Luft. Und nein, es ist nicht der vielleicht angehende Frühling, der so langsam die Magnolien im Park Schöntal wach küsst, und auch nicht der Duft von frischen Haxen im Ederhaus am Hauptbahnhof. Es ist Wahlkampf. Am 8.3. werden die Karten im Rathaus neu gemischt. Zur Wahl stehen dann Oberbürgermeister und Stadtrat. Während an den Laternenmasten die Gesichter der Kandidaten allabendlich langsam mit der Dämmerung um die Wette grauen, lohnt sich ein tieferer Blick. Wer hat wirklich einen Plan für unsere Stadt? Wer verwaltet nur? Und wer brüllt von der Seitenlinie? FRIZZ Das Magazin hat sich durch das Dickicht aus Wahlversprechen, Phrasen und Plakaten gewühlt.
Der jetzige Kapitän auf der Brücke: Jürgen Herzing (SPD)
Fangen wir beim Amtsinhaber an. Jürgen Herzing wirkt in diesem Wahlkampf ein bisschen wie der erfahrene Kapitän, der sich auch bei hohem Wellengang nicht den Kaffee verschütten lässt. Seine Strategie ist offensichtlich: Stabilität und Nähe. Herzing ist kein Mann der lauten Töne oder der wilden Instagram-Reels. Er ist der Typ „Papa der Kompanie“, den man gerne trifft und bei dem man das Gefühl hat: Der hört wirklich zu, auch wenn man ihm gerade zum dritten Mal erzählt, dass die Hecke vom Nachbarn zu hoch ist.
Die SPD setzt darauf, dass die Aschaffenburger in unruhigen Zeiten keine Experimente wollen. Herzing hat das Biosphärenreservat Spessart zur Chefsache gemacht (Punkte bei den Naturliebhabern) und die Stadtwerke solide durch die Energiekrise gesteuert. Er vermittelt dieses warme, rote Gefühl von: „Leute, wir halten zusammen.“ Das ist vielleicht nicht das ganz große visionäre Feuerwerk, aber verlässlich und kalkulierbar.
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Sheriff
Der Sheriff: Markus Schlemmer (CSU)
Sein Herausforderer Nummer eins kommt direkt aus der Nilkheimer Blaulicht-Ecke: Markus Schlemmer. Der Kripochef will den Thron im Rathaus erobern und bringt dafür vor allem eines mit: einen strengen Blick und das Versprechen von „Sicherheit und Ordnung“. Die CSU trommelt laut für eine saubere Stadt, mehr Videoüberwachung und eine Wirtschaftspolitik, die den roten Teppich für Unternehmen ausrollt.
Schlemmer ist der Gegenentwurf zu Herzings gemütlicher Art. Er will anpacken, durchgreifen, aufräumen. Das mag bei denen verfangen, die sich über Graffiti an der Adenauerbrücke oder pöbelnde Gruppen am Hauptbahnhof ärgern. Doch manchmal wirkt der Fokus auf „Law & Order“ in einer Stadt, die eigentlich für ihre mediterrane Lebensfreude bekannt ist, etwas überdosiert. Aschaffenburg ist schließlich nicht die Bronx. Die CSU bietet neben Kompetenz auch Konsequenz und Härte.
Die Visionäre: Monika Hartl (Grüne)
Deutlich mehr Farbe bringt Monika Hartl ins Spiel. Und wir reden hier nicht nur von Grün. Die Grünen haben ihre Themenpalette deutlich erweitert. Natürlich geht es immer noch um Radwege – ein Thema, bei dem in Aschaffenburg traditionell Glaubenskriege ausgefochten werden. Aber Hartl blickt weiter: Sie fordert eine Stadtplanung, die dem Klimawandel standhält.
Ihre Vision: Eine City, in der man im Hitzesommer 2030 nicht auf dem Asphalt brutzelt, sondern unter Bäumen flaniert. Entsiegelung, Fassadenbegrünung und ein ÖPNV, der so gut getaktet ist, dass man das Auto freiwillig stehen lässt. Hartl sticht in den per Volksentscheid geretteten Bienenkorb (oder war es das Wespennest?): Wie wollen wir leben, wenn der Platz knapper wird? Ein unbequemer, aber notwendiger Blick nach vorne.
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Turboschnecke
Der Turbo: Julian Dalberg (FDP)
Wer Lust auf Start-up-Vibe und digitales Tempo hat, landet bei Julian Dalberg. Der FDP-Kandidat ist der junge Wilde im Feld. Seine These: Aschaffenburg verwaltet sich zu Tode, statt den Turbo zu zünden. Dalberg will die Verwaltung nicht nur ein bisschen modernisieren, er will das „Smart Rathaus“, den digitalen Wolkenkratzer mit sich als Oberbürgeravatar, in dem man Formulare per App und KI erledigt, statt Nummerchen zu ziehen.
Zudem kämpft die FDP für die Belebung der Innenstadt, gegen Leerstand und für mehr Freiräume in der Nachtkultur. Dalbergs Credo: Lasst die Leute machen, der Markt und Kreativität regeln das. Ein optimistischer Ansatz, der frischen Wind verspricht.
Das soziale Gewissen und der Traum vom Esel, der Dukaten defäkiert: Die Linke
Während die FDP von Start-ups und die CSU von Überwachungskameras träumt, übernimmt Lateesha Halmen von Die Linke die Rolle des Partycrashers im städtischen Wohlfühlzirkus. Ihre Mission: Den Finger in die Wunde legen, wo es wehtut – und es schmerzt besonders im Geldbeutel der Geringverdiener.
Die Linke will das soziale Gewissen der Stadt sein, manchmal auch der moralische Zeigefinger, der Stein im Schuh, der nervt, aber da ist, der wehtut und Blasen verursacht. Halmen pocht darauf, dass Aschaffenburg nicht zu einem „München light“ verkommt, in dem sich die Krankenschwester die Miete in Damm nicht mehr leisten kann.
Klar, manche Forderungen der Linken klingen ein bisschen nach „Wünsch dir was“, nach einer utopischen Welt ohne Stadtkämmerei und Haushaltsplan. Kostenloser ÖPNV, Mietenstopp, Sozialtickets für alle – das ist supersympathisch, aber wer das bezahlen soll, bleibt das gut gehütete Geheimnis des Parteiprogramms. Trotzdem: Ohne Die Linke würde im Stadtrat wahrscheinlich zu oft Sekt getrunken und zu selten über Armut gesprochen. Sie sind die wichtige Prise Salz in der Suppe, auch wenn sie manchmal Gefahr laufen, ebenjene zu versalzen.
Wundertüte
Die Wundertüte mit Schlagseite: Freie Wähler
Und dann gibt es da noch die Freien Wähler. Eigentlich könnten sie eine gemütliche, bürgerliche Alternative sein, aber der Kurs ist … sagen wir mal: wild. Man wird das Gefühl nicht los, dass hier jemand versucht, „Aiwanger light“ zu spielen.
Die Strategie scheint zu sein: Wir sind irgendwie dagegen, aber sitzen trotzdem mit am Tisch. Es ist dieser typische Spagat: Man will bürgerlich-seriös wirken, biegt aber ständig populistisch nach rechts ab, um dort Stimmen abzufischen. Inhaltlich bleibt es oft dünn. Wo ist die eigene Vision für Aschaffenburg? Außer „Wir sind gegen Gendersprache und für Autos“ kommt da wenig Konkretes. Wer die Freien Wähler ankreuzt, kauft die Katze im Sack: Man weiß nie, ob man pragmatische Kommunalpolitik bekommt oder den nächsten Bierzeltaufstand probt. Ein bisschen weniger Stammtisch und ein bisschen mehr Substanz stünden der Truppe gut zu Gesicht.
Die Alternativen? Volt und ÖDP
Wem die SPD zu gemütlich, die CSU zu hart, die Grünen zu grün, die FDP zu digital, die Linken zu links und die Freien Wähler zu unberechenbar sind, der findet Wahlmöglichkeiten: gut bürgerlich und naturverbundene Küche oder der lila Strom aus der Steckdose.
Da wäre Volt. Die europaweit agierende Partei bringt den „Lila Spirit“ nach Aschaffenburg. Sie denken europäisch, handeln lokal und sind extrem pragmatisch. Best-Practice-Lösungen aus Kopenhagen oder Wien für Aschaffenburg? Warum nicht! Und dann die ÖDP. Sie sind so etwas wie das „Grüne Gewissen der Konservativen“. Kein Spendensumpf, dafür konsequenter Naturschutz gepaart mit bürgerlichen Werten.
Der Ausfall am rechten Rand: die AfD
Zum Schluss das Trauerspiel des Jahres. Man muss es so hart sagen: Wer hier sein Kreuz macht, wählt die Arbeitsverweigerung. Für das wichtigste Amt der Stadt, den Oberbürgermeister, hat die „Alternative“ erst gar keinen Kandidaten aufgestellt. Das ist in etwa so, als würde man sich für die Fußball-WM qualifizieren, aber dann nicht antreten, weil der Rasen zu grün ist. Sie hetzen und tönen laut, aber wenn es darum geht, Verantwortung zu übernehmen, herrscht Funkstille. Feigheit vor dem Wähler nennt man das.
Stattdessen glänzt die Partei mit Personalien wie Ramona Storm (wir erinnern uns an das „übersehene“ Hitlergruß-Video) oder Jörg Baumann, der gerne den harten Mann markiert. Die lokale AfD hat keine Lösungen. Sie hat nur ein Geschäftsmodell: Wut bewirtschaften. Das ist keine Politik, das ist Sabotage. Aschaffenburg ist bunt, nicht braunblau.
Fazit: Wettbewerb der oder keinerlei Ideen
Die Auswahl am 8.3. ist groß. Wir haben einen soliden Stadtvater (SPD), einen strengen Sheriff (CSU), ökologische Visionäre (Grüne) und digitale Turbos (FDP). Wir können auch sozialgewissenhaft auf großem Fuß leben (Die Linke), wir haben energiegeladene Kandidaten (Volt) und Freie Wähler, wir dürfen ÖDP – und leider auch die AfD. Geht wählen!
