Wer Lust auf ein ebenso ungewöhnliches wie begeisterndes und nachhaltiges Musikerlebnis hat und seinen Horizont noch ein Stück weit in die richtige Richtung verschieben möchte, sollte an ebendiesem Freitagabend auf jeden Fall im Roßmarkt Station machen und gute zwei Stunden Zeit einplanen.
Denn mit der Wiener Band 5/8erl in Ehr’n gastiert eine vielfach ausgezeichnete Formation in Aschaffenburg, die auf einzigartige Weise Jazz, Soul und Blues mit dem urtypischen Genre des Wienerlieds kombiniert und sich so zu einer Institution der österreichischen Musiklandschaft gemausert hat. Zeit genug hatte sie dafür, immerhin feiert die Combo aktuell ihr 20-jähriges Bestehen und zelebriert dieses Jubiläum sehr ausgiebig mit einer Tour, die mit dem schlichtgenialen Titel „20 Jahre Wiener Soul“ eigentlich schon alles zusammenfasst. Und doch noch so viele Fragen offenlässt. Denn in den Wiener Soul lohnt sich ein etwas tieferer Kopfsprung der Erklärung.
„Wie wenn Stevie Wonder eine Sachertorte geraucht hätte!“
Wenn sich selbst der Bayerische Rundfunk zu einem derartigen Vergleich hinreißen lässt, dann müssen die 5/8erl in Ehr’n etwas ganz Besonderes sein. Begonnen hat die Truppe mit groovigen Mundartsongs als Insidertipp in ihrer Heimat, bevor ihr erster Hit „Siasse Tschik“ ihnen den Weg in die zeitgenössische Popkultur bescherte und sie in der Folge zum wohl lässigsten Act des Austropops avancierten.
Sechs Alben stehen in ihrer Vita, viele davon schauten auch in den höheren Gefilden der österreichischen Charts vorbei, ebenso wie diverse Singleauskopplungen. Der neueste Longplayer „Burn on!“ wurde im letzten Jahr veröffentlicht und verdeutlicht wie alle Vorgänger auch, warum die Band generations- und genreübergreifend funktioniert und somit im Mainstream-Radio genauso zu Hause ist wie auf Alternative-Sendern, im Theatersaal und in Freibädern. Ergo, ihr Wiener Soul blickt nicht nur auf das Gift unserer Zeit, sondern auch auf das, was Balsam für die Seele ist, somit sind die 5/8erl Patient und Heilmittel in einem. Oder wie sie selbst sagen: Sie behandeln die Krankheit all jener, die ständig am Anschlag sind, aber sich noch die Schuhe zubinden können.
Warum viele Worte, wenn ein Seufzer alles sagt?
Wenn die Wiener auf der Bühne stehen, dann loten die – nach Eigenbeschreibung – zwei engelsgleich harmonierenden Männerstimmen von Max Gaier und Robert Slivovsky und ihre universal hochbegabte akustische Triobegleitung (Hanibal Scheutz am Bass, Miki Liebermann an der Gitarre und Clemens Wenger am E-Piano) die Untiefen der kleinen und großen, schönen und hässlichen Gefühle und Gedanken aus. Spannungsschwangere asymmetrische Rhythmik aus Soul und Jazz trifft dann auf die frei interpretierten Tempovariationen des typischen Wienerlieds. Das Quintett spielt dabei mal mehr, mal weniger mit der musikalischen Unter- wie Übertreibung und setzt die Grenzen des Weglassens oder der Ausschweifung exakt an dem Punkt, an dem ein Blues nicht slower und ein Wienerlied nicht lieblicher sein könnten. Oder kurz zusammengefasst: Viel Ach und Weh’, viel Gift und Schmäh. Und das mit einer ordentlichen Portion Sahne obendrauf. Ach nee, sorry, wir meinen selbstverständlich Schlagobers.
Die 5/8erl-Bilanz: fantastisch
Seitdem die vier Herren und eine Dame das erste Mal 2006 live auf die Bühne gingen, ist viel passiert: Knapp 1.000 Konzerte haben sie seitdem südlich des Weißwurstäquators (und ab und zu auch nördlich davon) gespielt und es geschafft, sich eine mehr als amtliche Fanschar zu erspielen. Neben den schon erwähnten sechs Studioalben stehen übrigens auch genau so viele Austrian Amadeus Music Awards im heimischen Regal, die sie jeweils in der Kategorie Jazz/World/Blues eingesammelt haben. Und der unserer Meinung nach wohl größte Ritterschlag in ihrer bewegten Bandgeschichte, ihr Song „Badeschluss“ ist der wohlig-melancholische Abschluss eines jeden Tages in den Wiener Bäderbetrieben. Ein Umstand, der die 5/8erl in Ehr’n nicht nur bekannter machte, sondern ihnen auch Kultstatus einbrachte.
Doch wie blicken die 5/8erl in Ehr’n höchstselbst auf ihre Premiere am Untermain? FRIZZ hat Max Gaier und Hanibal Scheutz im Tourbus erreicht und noch ein paar kleine Fragen gestellt …
© Astrid Knie
5/8erl in Ehr’n
FRIZZ Das Magazin: Ihr feiert in diesem Jahr euer 20-jähriges Jubiläum. Wie haltet ihr in einer so langen Bandgeschichte die Flamme der Kreativität und der Lust am Musikmachen dauerhaft am Brennen?
Max Gaier & Hanibal Scheutz: Unsere Songs stehen uns seit 20 Jahren zur Seite und helfen uns dabei, den Spaß nicht zu verlieren. Darum immer Vorsicht beim Lieder schreiben! (lachen). Manchmal machen wir übrigens auch Gruppen-Yoga und Shiatsu-Treatments.
Zweiter Anlauf für die 5/8erl in Ehr’n in Aschaffenburg. Hattet ihr vor der geplanten Show 2025 überhaupt schon mal etwas von unserer Kleinstadt gehört oder musstet ihr erst auf der Karte schauen, wo es euch da hin verschlägt?
Ein großes Merkmal von 5/8erl in Ehr’n ist unsere Ehrlichkeit: Bis dato hatten wir noch nichts von Aschaffenburg gehört, aber wir sind voller Vorfreude, unseren Wiener Soul auch in dieser Metropole erklingen zu lassen.
Vergangenes Jahr war euer Konzert im altehrwürdigen Ambiente des Stadttheaters geplant, jetzt spielt ihr im mehrfach preisgekrönten Liveclub mit der spürbaren Rockattitüde. Welcher Bühne steht ihr gefühlsmäßig näher?
Wir fühlen uns auf allen Bühnen wohl, solange sie genug Platz für uns bietet und das Essen davor gut ist. Und prinzipiell spielen wir sowieso gerne genrebefreit.
Was kann Aschaffenburg tun, damit ihr noch euren Enkeln von dem schönsten Konzert der ganzen Tour erzählen werdet?
Da lassen wir uns gerne überraschen!
Die FRIZZsche Standardfrage an alle Bühnenmenschen: Was ist das Allerletzte, was ihr tut, bevor ihr die Bühne betretet?
Nach den obligaten Toilettenbesuchen gibts einen eigenen 5/8erl-Gruß mit dem anwesenden Team, um uns auf die Zeremonie einzuschwören. Aschaffenburg, wir kommen. Let’s get it on!
