Wer auf „A Kraut Tale“ aber sägende Gitarren oder Double-Bass-Attacken vom einstigen Gutter-City-Sluts- oder Orcus-Chylde-Bassisten wartet, liegt falsch. Alle Samples, die auf dem Alben zu hören sind, stammen von aussortierten Volksmusik- & Schlager-Platten, die bei einem Ausverkauf schlichtweg keiner haben wollte. Klingt wahnsinnig. Ist es auch. Vor allem erzählt Dejan Zivkovic darauf seine persönliche Geschichte.
Hausbesuch und Listening Session bei Familie Zivkovic im Aschaffenburger Brentanoviertel. Wenn der gefühlt immer gut gelaunte Dejan in seinen privaten, heiligen Musiktempel lädt, in dem neben tausenden Schallplatten auch noch sein Homestudio mit dutzenden Instrumenten eingerichtet ist, ist Ehrfurcht angesagt. Hier gibt es Unmengen an Musikgeschichte zu entdecken, jeder Quadratzentimeter des Raums ist dem rituellen Hörgenuss gewidmet. Hier wird Musik nicht konsumiert, hier wird sie zelebriert! Der 43-jährige Musikjunkie ist als personifiziertes Musiklexikon bekannt, welcher seit Jahren die Aschaffenburger Musik- und Subkultur mit seinen Bands, Partys und Veranstaltungsreihen bereichert. Ob als Beatmaker und Produzent, DJ, Bassist, Plattenladen-Chef und in Kürze hauptberuflicher Booker im Colos Saal. Das Leben von Dejan Zivkovic besteht komplett aus gelebter Hingabe für die Musik. Dabei sind wahren „music lovers“ bei Geschmack und Stilrichtung bekanntlich keine Grenzen gesetzt: Von Psychedelic Rock, Jazz, Psychobilly, Black Metal, Soul zurück zu Punk und Hip-Hop. Jeder, der ihn einmal hinter dem Tresen von Echobeat Records besucht hat, kann ein eigenes Lied davon singen. Exzellentes Detailwissen sowie immer einen Riecher für passende kundenspezifische Musiktipps ist er das, was man aus Nick Hornbys Kult-Roman „High Fidelity“ mit seinem schrulligen Plattenladen-Verkäufer Rob Gordon kennt: Ein obsessiver Musiknerd zum Liebhaben! Ein Besessener, der nicht nur sein persönliches Umfeld mit seiner Passion ansteckt, sondern auch die junge, nachkommende Generation für spannende Vinyl-Veröffentlichungen abseits von Radio-Konserven heranführt.
Mit „A Kraut Tale“ veröffentlicht Zivkovic oder Demian Sky, wie er sich als Künstler nennt, am 10. September sein erstes eigenes Soloalbum, welches auf dem Darmstädter Liebhaber-Label Dedicate erscheint und eine Symbiose aus Graphic Design und elektronischer Musik als Philosophie hat. Man kennt und schätzt sich gegenseitig. Die Label-Betreiber sind sofort von Demian Skys Idee begeistert, als er ihnen offenbart, dass er ein instrumentales Hip-Hop-Album aus alten Hörspielen und unbekannten Schlager-Schmonzetten plant. Mit aller dazugehöriger Ernsthaftigkeit und Professionalität. Man muss festhalten: So etwas gab es noch nie!
Die Idee wird geboren
„Angefangen hat alles mit einem Ausverkauf bei uns im Plattenladen. Leider gab es am Ende zu viele Kisten mit scheinbar wertlosen Singles, die keiner haben wollte – 280 an der Zahl!“, erzählt er im Gespräch. So reifte die verrückte Idee heran, aus dieser Resterampe voller Obskuritäten coole Musik zu machen und ein Konzeptalbum anzugehen, dass durchaus autobiographische Züge erzählt. „Bei der Produktion von Hip-Hop-Beats geht es immer darum, aus etwas Altem Neues zu erschaffen. Nur dass ich mich in diesem Fall streng auf die unterschlagene Musik in den beiden Kisten limitiert habe.“ Ob das nun uralte Sparkassen-Werbung aus den 70ern, beliebige Blasmusik, provinzielle Chansons, billige Schlager unbekannter Kapellen oder Marschmusik der Darmstädter Military Band ist. Der Fundus an seltsamen Veröffentlichungen machte den Reiz aus. So bastelte, schnibbelte und baute Dejan insgesamt drei Jahre an seiner ersten Langspielplatte, die aus hunderten Stunden Musik insgesamt 43 Minuten „Lebensgeschichte“ zusammenfasst.
Als Flüchtling in die Provinz
Aufgewachsen ist Zivkovic in Zagreb im heutigen Kroatien. In den ehemaligen Jugoslawien-Kriegen auf dem Balkan kam es in den 1990er-Jahren zu verheerenden Völkermorden, Massakern und Kriegsverbrechen, sodass auch seine Familie die Koffer packen musste und sich gezwungen sah, aus ihrer Heimat zu flüchten. Als kleiner Junge strandet er schließlich mit seiner Familie in Aschaffenburg. Haus Nummer 5, Medicusstraße. Es war eine Zeit, in der in Aschaffenburg noch einige US-Soldaten mit ihren Familien stationiert sind und man die Viertel in der Innenstadt im Jargon als „Amiblocks“ bezeichnete. Plötzlich sieht sich Dejan mit so viel neuer Kultur, Menschen und Gerüchen konfrontiert und saugt von Beginn an alles auf, was mit Musik und amerikanischer Subkultur zu tun hat. Ob US-Comics, Slang-Sprache oder der legendäre Hip-Hop aus den 90er-Jahren, der heute von Fans des Genres als „goldene Ära“ bezeichnet wird. „Ich bin wirklich sehr glücklich über diese Sozialisation, die ich als Kriegskind in diesem aufregenden sozialen Umfeld erleben durfte. Leider habe er zu den Jungs von damals keinen Kontakt mehr, schwärmt er und übt sich in süßer Nostalgie. Diese Erinnerungen lässt Dejan nun auf seinen ersten Tracks auf dem Album aufleben und zaubert groovige, funkige Instrumentalstücke, die in Kombination mit seiner Lebensgeschichte dutzende Details beinhalten. „Man kann die Platte natürlich einfach am Stück genießen und sich der Stimmung hingeben. Interessanter ist es aber, wenn man die beiliegende Geschichte liest.“ Hier eine Trompete, da ein Knacken, ein vorbeirauschender Zug, hier und da ein runtergepitchtes Sprach-Sample – für aufmerksame Ohren gibt es allerhand Details im Hintergrund zu entdecken, in einigen Stücken hat Dejan bis zu zwanzig (!!!) Samples integriert. Ein wahnwitziges Unterfangen, bestehen simple Beats, zu denen MCs rappen in der Regel oft maximal nur aus zwei bis drei Samples gleichzeitig. „Ich mag die Herausforderung und ich mag es schwierig“, lacht Dejan, wenn er von den unendlichen Möglichkeiten seiner Kreationen erzählt. Kenner der Materie werden zu schätzen wissen, wie viel Akribie und Aufwand in den insgesamt 18 Stücken liegen, die alle nahtlos ineinander übergehen. In den verschiedenen Stücken reisen wir zusammen mit dem Protagonisten durch seine Jugend. Das erste Mal Verliebtsein, das erste Mal Grasrauchen, das erste Verlassenwerden. So schafft es Dejan, beinahe schon intuitiv der Musik eine romantische, rasende oder melancholische Note zu verpassen. Mit diesen Gefühlen und Stimmungen arbeitet der Musiker, so dass es nicht weiter überrascht, dass die B-Seite der Platte dunkler, gar härter klingt, wenn der Übergang vom Kind ins Teenageralter folgt. Es sind eben auch negative Erfahrungen, Schicksalsschläge und beschissene Zeiten, die man im Laufe seines Heranwachsens durchlebt. Hört man der Musik und Ausführungen von Dejan zu, leuchten dessen Augen, die Arme wirbeln im Wind, der Bass wird imaginär gezupft und nach nur wenigen Minuten ist man tief drin, im ganz eigenen Soundkosmos dieses herrlich authentischen Typen.
Die Metapher
Nachdem die Platte ausgeklungen ist und die Nadel sich erhebt, wird Dejan aber noch einmal ernst. Ihm ist es wichtig zu betonen, dass die Geschichte von „A Kraut Tale“ gleichzeitig als Statement zu verstehen ist. „Wir befinden uns in einer Wegwerfgesellschaft und in einer Zeit, in der alles nur von Konsum, Oberflächlichkeit und Egozentrik geprägt ist.“ Aussortierte Vinyls sind da nur die Metapher. „Ich persönlich tue mir schwer Bücher, Comics oder sonstige Kulturgegenstände zu entsorgen. Hinter jedem Produkt steht eine Geschichte. Es haben so viele Menschen an diesem Werk gearbeitet. Ich empfinde es als respektlos, dass einfach alles in die Tonne zu kippen. Vinyl wegschmeißen fühlt sich absolut falsch an.“ Recht hat er. Weitergedacht heißt es, dass viele von uns den Konsum von Billigprodukten vorantreiben, nicht wirklich nachhaltig Kleidung und Nippes online bestellen oder viel zu viel brauchbares Essen in den Müll werfen. Gegen Ende des Abends frage ich Dejan, was er sich mit dieser Veröffentlichung erhofft, mit der er selbstredend keinerlei kommerzielle Absichten verfolgt – obwohl die Hälfte der Platten bereits im Vorfeld durch Freunde und Bekannte vergriffen sind. Lächelnd lässt er sich in seinen Sessel fallen: „Mir gefällt der Gedanke, dass Menschen sich bei dieser Dreiviertelstunde einfach mal entspannen und sich Zeit dafür nehmen, das Album bewusst am Stück zu hören und zu genießen. Mehr ist es nicht. Das macht mich happy!“ Feiern wir daher diesen plattenliebhabenden Typen, ohne den die Aschaffenburger Szene mit Sicherheit ein ganzes Stück ärmer dran wäre. Am 10.9. besteht die offizielle Gelegenheit dazu, wenn im Sidekick das Album in voller Länge gespielt wird und Demian Sky und sein Label-Kollege Phonk D im Anschluss zur Party auflegen – stilecht analog versteht sich. Und so fordern wir alle im Takt: „Save all Vinyl“!
